#1 Aufklärung und Mystik von Hirtenjunge 19.03.2014 01:36

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Aufklärung und Mystik


Der äußere und der innere Blick auf die Wirklichkeit: Man kann sich auf zwei Arten an die Erkenntnis der Wirklichkeit heranpirschen: als Wissenschaftler und als Mystiker. Widersprechen sich diese beiden Vorgehensweisen? Keineswegs, meinen Torsten Brügge und Padma Wolff, sie ergänzen sich sogar!

Von Torsten Brügge und Padma Wolff


Subjektive mystische Erfahrungen und objektive naturwissenschaftliche Fakten, auf den ersten Blick scheinen diese beiden Seiten so vereinbar zu sein wie Feuer und Wasser. Der amerikanische Wissenschafts-Philosoph Ken Wilber jedoch sieht das anders. In seinem »Integralen Modell des Bewusstseins« behauptet er, dass wissenschaftliches Denken und mystische Innenschau nicht nur friedlich miteinander ins Gespräch kommen können, sondern dass sie der Vollständigkeit halber sogar zusammengehören.

Doch zunächst: Was ist hier mit Mystik überhaupt gemeint? Meist taucht der Begriff Mystik im engen Zusammenhang mit Religion auf. Ken Wilber verweist hierzu auf zwei wesentliche und sehr unterschiedliche Funktionen von Religion. Die eine nennt er »Translation«. Damit meint er eine horizontale Bewegung, die dem Menschen auf der Entwicklungsebene, auf der er sich gerade befindet, Sinnzusammenhänge anbietet und Orientierungshilfen gibt. Dafür stellt ihm die Religion Mythen, Rituale und Gebete zur Verfügung. Diese werden meist als ein nicht zu hinterfragendes Dogma aus religiösen Schriften oder mündlichen Überlieferungen angenommen. Translation stellt damit eine Art »sozialen Klebstoff« der Gesellschaft dar. Ihre Regeln und Rollenvorstellungen gestalten das zwischenmenschliche Zusammenleben und haben damit eine durchaus sinnvolle Funktion.

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Transformation versus Translation

Darüber hinaus bietet Religion aber noch etwas anderes, nämlich die Möglichkeit zur Transformation auf eine höhere, transpersonale Bewusstseinsebene. Die Mystiker der verschiedenen Religionen sehen das Bewusstsein der meisten Menschen als durch die Identifizierung mit einem individuellen Selbst geprägt. Dieses Selbst fühlt sich abgetrennt von Anderen und vom allumfassenden Sein – und es leidet darunter. Der translative Anteil von Religion gibt diesem Selbstgefühl Trost und Stütze, damit es sich besser mit dem existentiellen Leiden der Abtrennung abfinden kann. Transformation hingegen will etwas ganz anderes: Sie will den Menschen aus dem illusorischen Gefängnis seines abgetrennten Ichs befreien. Sie will ihm sein Wesen auf einer höheren Bewusstseinsebene offenbaren. Wilber sagt dazu: »Die transformative Funktion der Religion stärkt nicht das getrennte Selbst, sondern zerschmettert es und bedeutet nicht Trost, sondern Zerstörung, nicht Einigelung, sondern Leere, nicht Selbstzufriedenheit, sondern Explosion, nicht Wohlbehagen, sondern Revolution; kurzum, nicht konventionelle Stärkung des Bewusstseins, sondern eine radikale Transmutation und Transformation im tiefsten Innern des Bewusstseins selbst.«

Meist sind es nur sehr kleine Minderheiten einer Religion oder religiösen Richtung, die an dieser transformierenden Kraft interessiert sind. Diese werden als Mystiker bezeichnet. Nicht selten wurden sie von den translativ ausgerichteten Angehörigen ihrer eigenen religiösen Gruppe als Ketzer abgestempelt und verfolgt, weil sie mit Aberglauben, Dogma und blindem Gehorsam brachen. Somit erging es ihnen ähnlich wie jenen Menschen, die schon vor der Zeit der Aufklärung Elemente eines neuen wissenschaftlichen Geistes in die Welt bringen wollten und damit auf massive Gegenwehr der traditionellen Religionshüter trafen – wie zum Beispiel der Astronom Galileo Galilei.

Weiterlesen: http://www.mystica.tv/aufklarung-und-mys...d-padma-wolff/#




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