#1 Der Fluch der Begabung von Apfelblüte 08.10.2010 10:42

Seltsam, seltsam, welche Texte in der letzten Zeit geschrieben werden wollen. Aber dieses Thema beschäftigt mich schon lange. Ich gehöre zwar nicht zu diesen Hochbegabten, auch wenn ich durchaus einige große Fähigkeiten mir mitgebracht habe. Doch die zeigten sich erst, als ich schon fast die Mitte meines Lebens erreicht hatte. Und als Kind und Jugendliche habe ich es mir immer schwerer gemacht, als es eigentlich notwendig war.

Es hat - muss ich ehrlich gestehen - eine Zeit gegeben, da ich auf diese vom Schicksal begünstigteren neidisch war. Ich glaubte zummindest, sie seien begünstigt. Wie alles im Leben, hat auch das seine zwei Seiten. Ich kenne einige der unten erwähnten Fälle persönlich und inzwischen frage ich mich, ob sie wirklich begünstigt sind. Ob nicht ein Leben einfacher ist, wenn man sich keine Hochbegabung mitbringt. Das Verführerische an einer Begabung habe ich inzwischen selbst erlebt. Aber mir war noch zu deutlich vor Augen, wie schwer mir früher alles fiel - oder wie schwer ich es mir machte. Ich nehme es nicht als selbstverständlich hin sondern voller Dankbarkeit. In diesem Sinne

Von zu Apfelblüte - Ursula


Der Fluch der Begabung


Wenn wir Menschen mit großen Begabungen begegnen, neigen wir meistens dazu, diese zu bewundern – die Begabung oder gar die Menschen. Den wenigsten wird bewusst, dass in einer übergroßen Begabung zugleich auch eine Gefahr verborgen liegt. Dies vor allem dann, wenn dieser Mensch nur diese eine Begabung hat und diese im Übermaß. Und dabei ist es vollkommen gleichgültig, in welchem Bereich sie sich zeigt.

Arthur Rubinstein, ein großer Pianist des zwanzigsten Jahrhunderts, zeigte schon früh eine solche Begabung, ja selbst seine Hände schienen wie geschaffen für einen Klavierspieler: beweglich, mit langen Fingern und einer riesigen Spannweite. Doch er ruhte sich anfangs auf dieser Gabe aus und frönte lieber dem süßen Leben. Dann hudelte er sich schon mal über eine Stelle hinweg, wenn er ein Konzert gab. Er wurde erst wach, als in Paris Horowitz ihm den Rang ablief. Plötzlich packte ihn der Ehrgeiz und auch er Rubinstein übte regelmäßig. Letztendlich machte es ihn zu einem der größten Chopininterpreten, wenn nicht gar dem größten.

Ich habe selbst bei einem Mitstudenten eine andere Gefahr erlebt. Er war derjenige von uns, der am leichtesten lernte. Er brauchte nur einmal über eine Seite zu lesen, dann war das Wissen in seinem Gehirn abgespeichert, wenn es darum ging, kniffelige Fälle zu lösen, war er einer der ersten, der das Ergebnis wusste. Doch ohne die anderen Studenten, die ihn mitzogen, wäre er untergegangen. Zuviel anderes interessierte ihn, nichts konnte ihn lange halten und da er so schnell lernte, verließ er sich auch darauf.

Eine Begabung kann sich aber auch in anderen Bereichen zeigen – beispielsweise im spirituellen oder sagen wir lieber übersinnlichen Bereich. Wir sehen Leute, die mit Leichtigkeit die Aura wahrnehmen und interpretieren können, oder sie erblicken die Zukunft, wie andere einen Wald. Wieder andere sind in der Lage, schlimmste Wunden im Nu heilen zu lassen. Ich kenne mindestens zwei solche Fälle: beides Frauen, die eine hatte sich einen Arm verbrüht und konnte fast zusehen, wie er abheilte. Die andere hatte schwerste Neurodermitis, so dass ihr schon das Wasser aus den Händen lief. Und innerhalb kürzester Zeit heilte es ab und hinterließ nicht einmal Narben. Beide fühlten sich als besonders berufen und glaubten, sie allein wüssten, was für andere gut ist, denn schließlich hatten sie ja bewiesen, wie es geht.

Einen weiteren Fall – im doppelten Sinne des Wortes – erlebte ich in einem schamanischen Seminar. Da behauptete eine Frau, alles ging ganz leicht und schnell, sie haben ja so guten Kontakt und alles sei ganz einfach. Sie gehörte wohl zu den wenigen begabten, die ganze Videofilme vor Augen haben, wenn sie die Trommel hören. Doch als sie ihre Fähigkeit unter Beweis stellen sollte, versagte sie und lief heulend aus dem Raum.

All diese Begabungen – und ich habe nun wirklich nicht alle aufgezählt – können dazu führen, dass sie den so Beschenkten verführen. Da gibt es die einen, die sich wie Rubinstein auf ihrer Gabe glauben ausruhen zu können. Es ist ja alles so einfach, es geht ja alles so schnell. Und wenn sie nicht aufpassen, verflacht ihre Gabe. Es sei denn, sie werden aus diesem Wahn herausgerissen, wie Rubinstein durch die Erfolge Horowitz oder wie die Teilnehmerin des schamanischen Seminars durch ihre Fehlinterpretation vor versammelter Mannschaft.

Wenn dies nicht geschieht, glauben sich die Begabten in ihrer Arbeit und ihrer Haltung bestätigt. Oft genug finden sie Bewunderer und Anhänger – und auch hier ist es wieder vollkommen gleichgültig in welchem Bereich sie tätig sind.

Das sind dann die Seminarleiter, die meinen, sie alleine wüssten, wie etwas zu geschehen habe, sie alleine könnten dieses Wissen weitergeben. Oder die Künstler, die davon überzeugt sind, dass keiner besser sei als sie. Ich könnte endlos weiter aufzählen, will es aber dabei belassen.

Ja, Begabung, große Begabung, ist eine starke Verführerin. Und wer nicht aufpasst, gibt sich ihr bedingungslos hin. Dann glaubt dieser Mensch, alles zu wissen, alles zu können – und natürlich besser als die anderen. Kein Zweifel hindert ihn, das ganz normale Leben regeln entweder andere oder es läuft an diesem Menschen vorbei.

Das war und sind dann die Professoren, die die schwierigsten Aufgaben berechnen aber nicht einmal in der Lage sind, einen Scheck auszufüllen. Das sind die Künstler, die von allen verehrt werden ob ihrer Kunst und ohne ihren Agenten oder Impressario wären sie hilflos wie ein Kind. Das sind die hochbegabten Esoteriker, die so in den anderen Sphären, den Auren und Engelwelten schweben, dass auch sie einen Menschen an ihrer Seite benötigen, der sie mit der Erde verbindet.

Andererseits sind es aber auch die Hochbegabten, die sich von allem ablenken lassen und nur mittelmäßige Noten in der Schule erreichen, wenn sie nicht Freunde finden, die sie mitziehen.

Es gab eine Zeit, da glaubte ich, dass Zweifel – an sich selbst und an der Sache – hilfreich wären. Aber auch die Fähigkeit zu zweifeln ist eine Gabe. Und wer sich diese im Übermaß mitbringt, verliert sich ebenfalls an die große Verführerin Begabung. Das sind dann die, die nichts so stehen lassen können wie es ist, die alles in Zweifel ziehen wollen und müssen und letztendlich zu Zynikern werden. Auch sie sind der Dame verfallen.

#2 RE: Der Fluch der Begabung von fräulein rottenmeier 10.10.2010 16:56

Guten Tag Apfelblüte

Als Person mit einigen Begabungen habe ich zu den von Ihnen angeführten Varianten noch eine andere erlebt, die man unter Kassandra-Syndrom einordnen könnte: Sie sehen etwas - etwas Wichtiges, Tiefes, Wesentliches - und niemand glaubt Ihnen. Im Gegenteil, anstatt Lob oder Dankbarkeit kommen Beschimpfungen, Panikanfälle, Wut zurück.

Nicht zuletzt weckt dies wesentliche Zweifel an der Wirklichkeit der eigenen Wahrnehmung... sehr unangenehm. Erst Beobachtungen und Erfahrungen über lange Zeit - mehrere Jahre - haben dazu geführt, einen guten und sinnvollen Umgang damit zu finden.

mit freundlichem gruss
ihr
fräulein

#3 RE: Der Fluch der Begabung von Apfelblüte 10.10.2010 18:54

Guten Abend liebes Fräulein,

nun ja, es ist dann schon unangenehm, kann ich nachvollziehen. Es hat Sie aber sicherlich auch davor bewahrt, größenwahnisinnig zu werden . Die steinigen Wege sind zwar nicht die einfachsten, aber inzwischen schätze ich sie - sprach der Steinbock.

In diesem Sinne

Apfelblüte - Ursula

#4 RE: Der Fluch der Begabung von fräulein rottenmeier 10.10.2010 19:09

nun ja, die Gefahr des Wahnsinns ohne das grössen- ... vorher war auch nicht besonders lustig, das versichere ich Ihnen.

Die Gaben des Himmels sind eben immer zweischneidige Schwerter...

mit freundlichem gruss
ihr
fräulein

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